Johann Wolfgang von Goethes Aufenthalt in Palermo im Jahr 1787
Als Johann Wolfgang Goethe am 2. April 1787 in Palermo eintraf, bot sich ihm der Anblick der Stadt vom Meer aus und von der Schwelle der Porta Felice aus. Sein Aufenthalt in Palermo, der bis zum 14. Mai dauerte, ist einer der intensivsten Momente seiner „Italienreise“: Hier betrachtete Goethe Landschaften, Zeremonien, Gärten und Denkmäler mit dem Blick eines Menschen, der in Sizilien einen Schlüssel zum Verständnis Italiens und seiner selbst suchte.
Einer der bedeutendsten Orte dieses Aufenthalts ist das Hotel, in dem er unterkam. Es ist jedoch nicht einfach, dieses zu identifizieren. Im Laufe der Zeit sind verschiedene Hypothesen aufgekommen, die durch Gedenktafeln, Berichte von Reisenden und historische Studien untermauert wurden. Die Rekonstruktion auf der Grundlage von Goethes Aussagen sowie topografischer und archivarischer Unterlagen lässt vermuten, dass die heute überzeugendste Hypothese auf das sogenannte Benso-Haus hindeutet, ein Palast, der später in den Palazzo Butera integriert wurde.

Abbildung 1 – Die Porta Felice in Palermo
Ausgangspunkt ist Goethes eigene Beschreibung. In seinem Brief vom 2. April 1787 berichtet er, dass er die Stadt durch ein Tor betreten habe, das aus zwei großen Säulen bestand – erkennbar als Porta Felice – und dass er sofort zu einem großen Gasthaus auf der linken Seite geführt worden sei. Dieses topografische Detail ist von entscheidender Bedeutung: Das Gasthaus musste sich nur wenige Schritte vom Stadteingang durch dieses Tor entfernt befinden.
Goethe beschreibt auch das Zimmer: geräumig, elegant, mit einem Balkon, der auf die Reede, das Meer und den Monte Pellegrino blickt, den er „Berg der Heiligen Rosalia“ nennt. Er erwähnt zudem eine luxuriöse Einrichtung, einen kühlen und luftigen Vorraum mit mehreren Balkonen sowie eine Terrasse, von der aus man eine große Vielfalt an Ausblicken genießen konnte. Am folgenden Tag erweitert er das Bild: Von seiner Unterkunft aus umfasste sein Blick den Golf von Palermo, vom Capo Zafferano und Sant’Erasmo bis hin zur Cala, zum Pier und zum Monte Pellegrino.
Ein weiterer Hinweis ergibt sich aus einer Szene, die am 13. April beobachtet wurde: Goethe sieht vom Fenster aus auf der Straße den Zug eines begnadigten Verurteilten vorbeiziehen, der im Rahmen der Osterfeierlichkeiten stattfand. Das Gebäude musste also sowohl einen freien Blick auf das Meer als auch ein Fenster zur Straße bieten, auf der die Prozession vorbeizog.
Das Problem mit den Grabsteinen
Im Jahr 1875 ließ der Historiker Isidoro La Lumia eine Gedenktafel am Haus Castagnetta-Pollaci in der Via Toledo – der heutigen Via Vittorio Emanuele – anbringen. Diese Wahl erschien plausibel, da dieses Gebäude als kleines Hotel in Erinnerung geblieben war und sich im unteren Abschnitt des Cassaro, nahe der Porta Felice, befand. Diese Zuordnung stieß jedoch bald an ihre Grenzen: Das Gebäude war bescheiden, verfügte nur über wenige Räume und bot nicht die weiten Ausblicke, die Goethe beschrieben hatte. Es wurde später durch die Bombenangriffe von 1943 zerstört, und wahrscheinlich verschwand mit ihm auch die Gedenktafel.
Im Jahr 1977 wurde vom Rotary Club Palermo Ovest eine zweite Gedenktafel am Eingang der Via Butera, auf dem Gelände des Palazzo Butera, angebracht. Diesmal bezog sich die Gedenktafel auf etwas anderes: nicht auf das Haus Castagnetta, sondern auf das Haus von Francesco Benso, ein herrschaftliches Gebäude, das zu Goethes Zeiten möglicherweise als Hotel genutzt worden war. Die neue Gedenktafel stützte sich auf eine fundiertere These, die auf den Studien von Luigi Giachery beruhte.

Abbildung 2 – Gedenktafel in der Via Butera
Pitrè und Giachery: Ein Vergleich zweier Hypothesen
Giuseppe Pitrè, ein bedeutender Forscher der sizilianischen Kultur, hatte die Identifizierung mit dem Haus Castagnetta bereits kritisiert. Bei einem Besuch des Gebäudes stellte er fest, dass lediglich ein kleiner Dachboden einen teilweisen Blick auf die Cala und den Monte Pellegrino ermöglichte: zu wenig, um dem von Goethe beschriebenen geräumigen, eleganten Zimmer mit Panoramablick zu entsprechen.
Pitrè schlug daraufhin eine andere Lösung vor: das Gasthaus von Madame Montaigne, auch „Madama di Montagna“ genannt, in der Via di Porto Salvo, in der Nähe der Vicaria. Diese Hypothese wies jedoch einen entscheidenden Schwachpunkt auf: Von dieser Stelle aus konnte man nicht den gesamten Golf überblicken, wie Goethe es beschreibt. Um seine These zu untermauern, musste Pitrè annehmen, dass Goethe sich falsch an den Einzug in die Stadt erinnert oder Ansichten verwechselt hatte, die er zu unterschiedlichen Zeitpunkten beobachtet hatte.
Luigi Giachery kam zu einem anderen Schluss. Anhand notarieller Urkunden, Mietverträge und eines Lageplans aus dem Jahr 1801 identifizierte er als wahrscheinlichsten Standort des Hotels das Haus Benso, ein herrschaftliches Gebäude an der Ecke zwischen der Via Butera und der Via Vittorio Emanuele. Das Haus, das sich im Besitz von Francesco Benso Landolina, Herzog von Verdura, befand, verfügte über großzügige Räume, Balkone mit Meerblick, eine Terrasse und eine Lage, die perfekt zur Anfahrt von der Porta Felice passte.

Abbildung 3 – Grundriss des Benso-Hauses mit Angabe der von Goethe bewohnten Räume – L. Giachery, Piazza Marina und Hotels in Palermo im vergangenen Jahrhundert, Palermo, 1923

Abbildung 4 – Rekonstruktion des Benso-Hauses mit dem von Goethe beschriebenen Balkon und der Terrasse – L. Giachery, „Piazza Marina und die Hotels von Palermo im vergangenen Jahrhundert“, Palermo, 1923
Die Hypothese „Benso-Haus“ ist die überzeugendste
Giacherys These ist stichhaltig, da sie alle Hinweise miteinander in Einklang bringt. Das Gebäude befand sich tatsächlich links vom Eingang der Porta Felice; es verfügte über herrschaftliche Räume und Balkone mit Blick auf den Golf; der Grundriss zeigt Räume, die mit dem von Goethe beschriebenen Zimmer, dem Vorzimmer und der Terrasse übereinstimmen. Zudem hätte ein Fenster zur Seite des Cassaro den Blick auf den Zug des begnadigten Verurteilten ermöglicht, der laut Giacherys Rekonstruktion genau diese Strecke entlangführte.
Ein dokumentarisches Detail untermauert dieses Bild: Zwischen 1786 und 1789 fehlt eine übliche Abfolge von Mietverträgen für das Haus Benso. Genau in diesem Zeitraum, und zwar im Frühjahr 1787, hielt sich Goethe in Palermo auf. Giachery schließt daraus, dass das Gebäude vorübergehend als Hotel oder Unterkunft für hochrangige Gäste genutzt worden sein könnte, was mit der vom Dichter beschriebenen luxuriösen Einrichtung übereinstimmt.

Abbildung 5 – Luftaufnahme des Benso-Hauses bei der Porta Felice
Goethes Ansichten – gestern und heute
Der Reiz der Rekonstruktion liegt auch im Vergleich zwischen Goethes Text und den noch erkennbaren Ausblicken. Trotz tiefgreifender städtebaulicher Veränderungen lässt sich von den Terrassen des rekonstruierten Benso-Hauses und vom Gelände des Palazzo Butera aus noch immer die in der „Italienreise“ beschriebene Landschaft erkennen: die Cala, das östliche Profil in Richtung Sant’Erasmo und Capo Zafferano sowie im Westen die Silhouette des Monte Pellegrino.

Abbildung 6 – Blick auf die Cala von Casa Benso aus – – Offizielle Website des Verwaltungsgerichts Sizilien

Abbildung 7 – Blick nach Osten von der Casa Benso aus – – Offizielle Website des Verwaltungsgerichts Sizilien

Abbildung 8 – Blick auf den Monte Pellegrino vom Palazzo Butera aus
Vom Haus Benso zum Verwaltungsgericht Sizilien
Das Haus Benso gehörte Francesco Benso Landolina, Herzog von Verdura. Ende des 18. Jahrhunderts oder in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts wurde es von den Branciforti erworben und in den Palazzo Butera integriert, unter anderem, um daraus einen großen Ballsaal zu schaffen. Im Jahr 1943 wurde das Gebäude durch die Bombardierungen auf Palermo schwer beschädigt und lag lange Zeit in Trümmern. Später wurde es wieder aufgebaut; heute ist das Gebäude der Sitz des Regionalen Verwaltungsgerichts von Sizilien in Palermo.

Abbildung 9 – Palazzo Benso – Offizielle Website des Verwaltungsgerichts Sizilien
Ein Rundgang durch Palermo mit Goethe
Die Geschichte des Goethe-Hotels nachzuvollziehen bedeutet nicht nur, ein Problem der historischen Topografie zu lösen. Es bedeutet, in die Sichtweise einzutauchen, mit der der Dichter Palermo betrachtete: von einer Türschwelle aus, von einem Balkon, von einer Terrasse, von einem Fenster mit Blick auf die Straße. Das Haus Benso vereint mit seiner Lage zwischen der Porta Felice, dem Cassaro, der Kalsa und dem Meer diese Blickwinkel. Aus diesem Grund erscheint es heute als die überzeugendste Hypothese, um Goethes Wohnsitz in Palermo zu lokalisieren und auch einem Laienpublikum die Verbindung zwischen der Reise von 1787 und dem noch heute sichtbaren Stadtbild zu vermitteln.

