Unter den Bäumen, die das europäische Gedächtnis mit poetischer Bedeutung aufgeladen hat, nimmt der Ginkgo biloba einen besonderen Platz ein. Johann Wolfgang von Goethe machte ihn in seinem berühmten Gedicht Gingo biloba (1815) zum Symbol der Metamorphose und der Einheit in der Dualität. Er war fasziniert von dem Blatt, das in zwei Lappen geteilt ist, die wie zwei Flügel aussehen, die bereit sind, durch die Luft zu schweben.

Dieses Bild kehrt wie durch einen poetischen Zufall im antiken Ginkgo des Palais Campofranco in Bozen wieder, verbunden mit der Figur der Kaiserin Elisabeth von Österreich, Sissi.

Der Legende nach, die in den Bauernhöfen Südtirols kursiert, verfärbten sich die Blätter an seinem Todestag in Genf (10. September 1898) auf ungewöhnliche Weise: Sie nahmen einen samtigen Farbton von Braun, Ocker und Goldgelb an, als ob die Natur selbst an der Trauer teilhaben wollte.
In diesem Herbstlicht schienen sich die wie kleine Flügel gebogenen Blätter vom Baum zu lösen und in Schwärmen Richtung Genf zu fliegen. Der Ginkgo – der von Goethe gefeierte Baum der Verwandlung – wurde so in der Erzähltradition der Alpentäler zu dem Ort, an dem die Natur zur Erinnerung wurde und ihre Blätter in eine lebendige Hommage an die geliebte Kaiserin verwandelte.

Auf den alten Bauernhöfen in Südtirol, in der Nähe von Bozen, erzählen sich die alten Leute noch immer Geschichten an den Kaminen, die im Winter angezündet werden, wenn der Wind von den Bergen herabkommt und die Nacht länger als die anderen erscheint.
Auf Sissis Spuren: Die Legende der Schmetterlinge und der Charme von Palermo
Man sagt, dass im Herbst 1898, als Kaiserin Elisabeth von Österreich, die schöne und rastlose Sissi, in Genf von dem Anarchisten Lucheni ermordet wurde, etwas Unglaubliches geschah.
Im Garten des Palazzo Campofranco in Bozen, wo sich Sissi während ihrer seltenen glücklichen Zeiten aufzuhalten pflegte, wuchs ein Ginkgo biloba, den sie besonders liebte. Sie hatte ihn der Stadt gestiftet und ihn viele Jahre zuvor selbst gepflanzt. Es war ein Baum mit Blättern so breit wie ein goldener Mantel, den die Kaiserin ‚mein Fächer des Orients‘ nannte, weil er sie an die Freiheit des Reisens in ferne Länder erinnerte. Seine Blätter, die wie ein gebrochenes Herz in zwei Lappen geteilt sind, schienen ihr das Symbol einer Seele zu sein, die zwischen der Pflicht und dem Wunsch nach Flucht hin- und hergerissen ist.
An dem Abend, als die Nachricht von seinem Tod die Täler erreichte, war der Himmel über Bozen seltsam still. Es wehte kein Wind und die Tiere auf den Bauernhöfen waren unruhig.
Plötzlich geschah es.
Die Blätter des Ginkgo fielen auf einmal ab, ohne Sturm und ohne Geräusch, als ob eine unsichtbare Hand den Baum geschüttelt hätte. Aber sie fielen nicht auf den Boden.

Sie öffneten sich in die Luft. Und in der Luft waren sie keine Blätter mehr, jedes Blatt wurde wie ein Schmetterlingsflügel und erwachte zum Leben. Es waren helle Flügel, geädert wie Samtbraun, seidig schwarz, mit weinroten und antiken Goldtönen, mit geheimnisvollen Mustern von Augen, von Arabesken, von mit Silber gesprenkelten Flecken.

Tausende, Zehntausende. Ein ganzer Baum verwandelte sich in einen Schwarm.
Sie stiegen alle zusammen in den Himmel des Tals.
Der Wind von den Bergen, der bis dahin geschwiegen hatte, erwachte wie von diesem Wunder gerufen und begann sie anzutreiben. Der Schwarm zog über den Ritten, streckte sich über die Weinberge im Tal, glitt entlang der Etsch, über Pässe und Gletscher, durch Wälder und Städte.

Diejenigen, die sie vorbeiziehen sahen, berichteten von einem lebendigen Himmel voller zitternder Flügel, der sich wie ein riesiger Samtvorhang über die Gipfel bewegte.
Zwei Tage und Nächte lang reisten sie auf diese Weise, getragen vom Wind durch Berge und Täler.
Ihre Reise endete am Genfer See, gerade als der Sarg der Kaiserin das Hotel Beau-Rivage verließ, in dem die Kaiserin nach dem Attentat verstorben war. Die Kutschen fuhren langsam weiter, und die Stadt wurde in eine tiefe Stille getaucht.

Der Himmel verfinsterte sich. Schmetterlinge wirbelten auf den Bürgersteig vor der Prozession und bildeten einen weichen, zitternden Teppich aus dunklen, leuchtenden Flügeln.
Als der letzte Wagen vorbeifuhr, verwandelten sich die Flügel langsam wieder in Blätter.
Und der Wind vom See verstreute sie über das Wasser.
In den Bauernhöfen Südtirols erzählt man sich noch heute, dass der Bozner Ginkgo, der Baum der wandernden Kaiserin, an diesem Tag seinen letzten Tribut an denjenigen sandte, der ihn geliebt hatte.
Seitdem fallen die Blätter des Ginkgobaums im Palazzo Campofranco auf einmal, wenn der Herbst in Bozen zu schnell kommt.

Sie müssen sie sich genau ansehen.
Denn – so die Legende – für einen Moment, bevor sie auf dem Boden aufschlagen, verwandeln sie sich noch in Schmetterlingsflügel.

Anmerkung zu Ginkgo mit ‚Schmetterlingsflügeln‘ Blättern
Die Legende vom Ginkgo mit den schmetterlingsflügelartigen Blättern, die in den Erzählungen der Südtiroler Bauernhöfe die Erinnerung an Kaiserin Elisabeth von Österreich begleitet, hat eine überraschende Grundlage in der Natur des Baumes und der Kulturgeschichte, die ihn umgibt.

Ein uralter Ginkgo biloba-Baum, der traditionell mit Sissi in Verbindung gebracht wird, wächst im Innenhof des Bozner Palais Campofranco. Der Baum, der inzwischen mehr als anderthalb Jahrhunderte alt ist, hat die Veränderungen der Stadt und sogar die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs überlebt, die ihn schwer beschädigten. Auch heute noch bietet er jeden Herbst ein Schauspiel, das jeden, der ihn beobachtet, in Erstaunen versetzt: Seine Blätter nehmen innerhalb weniger Tage eine tief goldgelbe Farbe an und fallen dann, oft innerhalb weniger Stunden, fast auf einmal ab und bilden einen goldenen Teppich im Innenhof.
Das Phänomen ist Botanikern gut bekannt. Der Ginkgo besitzt eine besondere saisonale Physiologie: Wenn der Baum den Saftfluss zu den Blättern unterbricht, bildet sich an der Basis des Blattstiels eine Trennschicht, die die Blätter gleichzeitig fallen lässt. Wenn in diesem Moment auch nur ein leichter Wind weht, ist der visuelle Effekt außergewöhnlich: Die Blätter wirbeln in der Luft und gleiten langsam, wie kleine Flügel, die im Licht zittern.
Diese Andeutung wird durch die Form des Blattes noch verstärkt. Ginkgo biloba hat eine fächerförmige Blattspreite, die in zwei symmetrische Lappen unterteilt ist. Die Adern verlaufen vom Blattstiel aus in einem Muster, das der Struktur von Lepidopterenflügeln ähnelt. Wenn die Blätter fallen und in der Luft schwingen, hat man daher leicht den Eindruck, Zeuge des Flugs eines Schwarms goldener Schmetterlinge zu sein.
Diese Analogie zwischen Blatt und Flügel ist nicht nur ein moderner Eindruck. Sie hat tiefe Wurzeln in der europäischen Kultur. Im Jahr 1815 widmete Johann Wolfgang von Goethe dem Ginkgo ein berühmtes Gedicht aus dem West-östlichen Divan mit dem Titel Gingo biloba. Der Dichter war von dem zweilappigen Blatt des Baumes beeindruckt und machte es zum Symbol einer geheimnisvollen Einheit in der Dualität:
„Ist es ein lebendiges Wesen,
Hat sich das in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Daß man sie als eine kennt?“
„Ist ein Lebewesen in sich selbst gespalten?
Oder sind es zwei, die sich füreinander entschieden haben, so dass sie als eins bekannt sind?“
Für Goethe repräsentierte das Ginkgoblatt also die Metamorphose der natürlichen Formen: zwei Teile, die getrennt erscheinen, aber zu einem einzigen Leben gehören. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die poetische Vorstellungskraft darin zwei Flügel sah, die bereit waren, sich durch die Lüfte zu erheben.
Auch in anderen kulturellen Traditionen wird der Ginkgo mit Transformation in Verbindung gebracht. In Japan und China gilt der Baum als Symbol für Langlebigkeit und Erneuerung, und das Spektakel der fallenden goldenen Blätter wird als eine der eindrucksvollsten Manifestationen des Herbstes gefeiert. Wenn der Wind in den Alleen und Tempeln des Fernen Ostens die herabfallenden Blätter anhebt, hat man oft den Eindruck, dass die Luft von Myriaden winziger geflügelter Kreaturen erfüllt ist.
Diese Ähnlichkeit ist auch von zeitgenössischen Künstlern aufgegriffen worden. Einige haben sogar echte Ginkgoblätter als Schmetterlinge gemalt und sich dabei die natürliche Form der zweilappigen Blätter zunutze gemacht: Die beiden Lappen werden zu den Flügeln, der Blattstiel zum Körper des Insekts und die radialen Adern erinnern an die Flügeladern.
Im Lichte dieser natürlichen und symbolischen Elemente erscheint die alpine Legende von Sissis Ginkgo weniger fantastisch, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Wenn an Herbstabenden die Blätter des Baumes auf einmal abfallen und der Wind sie in den Stadthimmel bläst, ist es leicht zu verstehen, wie die volkstümliche Vorstellungskraft diesen goldenen Wirbelwind in einen Schwarm von Schmetterlingen verwandeln konnte.
So treffen sich die Poesie der Natur, die goethesche Symbolik der Metamorphose und die historische Erinnerung an die Kaiserin in demselben Baum. Und jedes Jahr, wenn die Blätter des Ginkgos fallen und wie Flügel auf dem Pflaster des Hofes ruhen, scheint es fast so, als würde die Legende für einen Moment wieder lebendig werden.


